Königliche Genüsse, royale Post aus London

Royal Teatime © Liz Collet

Royal Teatime © Liz Collet

Wenn der Postmann zweimal klingelt, kommt er im Blauen Land nicht immer mit Grüssen aus London und auch nicht immer mit so feinen Genüssen aus London, die auch im Königshaus Wertschätzung geniessen.

Wie man weiss, geniesst die Queen morgens als erstes Twinings Earl Grey und teilt – ohne dies zu ahnen und auch ohne dass sie das zweifellos interessieren müsste oder würde – diese Passion mit mir.Ob sie dank Twinings Earl Grey 63. Thronjubiläum feiern konnte und 90 Jahre alt wurde, wer weiss?

Heute aber kam nicht der Earl Grey von Twinings, sondern der Darjeeling mit der Post bei mir an. 

Dieser tröstet ein wenig darüber hinweg, dass ich in diesem Jahr offenbar auf meinen First Flush Darjeeling im Holzkistchen aus dem Hause des ehemals königlich bayerischen Hoflieferanten Dallmayr verzichten muss. Er ist dieses Frühjahr bislang nicht bei Dallmayr zu bekommen und der allerletzte Vorrat in meinem Kistchen neigt sich einer Portion für eine letzte Kanne entgegen.

Twinings vergüldet mir die Wehmut darüber. Denn die jährliche Teekiste von Dallmayr hat nicht nur eine Bedeutung allein des Teegenusses für mich. Sie ist aus mehr als einem Grund einmal im Jahr eine lieb gewordene und lang gepflegte Tradition, verbunden mit dem ersten lieben Besuch meiner Münchner, nämlich Schwabinger Großmutter in der ersten meiner beiden Kanzleien. Deren Büro lag in der Kurfürstenstrasse und damit nur einen Katzensprung von der Isabellastrasse entfernt, in der meine Grosseltern jahrzehntelang gelebt hatten, erst in einer Kellerwohnung, dann seit Mitte der 70-er Jahre drei Stockwerke darüber. In der gleichen Strasse, in der ich – einen Hauseingang weiter – auch bis zu meinem vierten Lebensjahr gelebt hatte mit meinen Eltern, auch in einer Kellerwohnung. Küche, Wohnzimmer, winziges Bad mit Sitzbadewanne. WC ausserhalb der Wohnung auf dem Kellerflur neben dem Ausgang zur Treppe zum Hinterhof. Es war auch damals nicht leicht für junge Familien, Wohnraum und bezahlbaren zu finden in München. Als ich vier war, bekamen wir eine solche Wohnung, aber Schwabing war und blieb Lebensmittelpunkt. 

Wo nahe an der Ecke zur Hohenzollernstrasse der Milchladen war, in welchem ich ebenso wie beim Metzger “Stammkundin” war und mit einem kleinen Körbchen schon dreijährig allein einkaufen gehen durfte (in Sichtweite meiner Mutter, die drei Hauseingänge entfernt auf mich achtete, anfangs). Und der Bäckere vis-à-vis, die es noch gab, als ich rund 20 Jahre später als frisch gebackene junge Anwältin nur zwei Strassen weiter meine erste Kanzleiarbeit begann, sobald ich meinen eigenen dreijährigen Knirps morgens in den Kindergarten gebracht hatte. Unweit davon lagen schon in meiner Kindheit Luitpoldpark für die Spaziergänge und den Spielplatz, unweit auch der Elisabethmarkt mit dem Spielplatz und den Marktständen.

Die auch für meinen Sohn oft in dieser Zeit dann Anlaufpunkt wurden. Wenn wir etwa freitags nachmittags dann gemeinsam Gemüse und Käse oder auch Eier beim Markt holten. Als ich in dieser Kanzlei anfing, war meine Großmutter schon eine ganze Reihe von Jahren verwitwet gewesen und hatte während meiner Referendarzeit in Regensburg in charmantem höheren Alter ein weiteres Mal geheiratet und war – ein bisschen schweren Herzens – aus Schwabing weggezogen, wo die Mieten auch für jahrzehntelang dort wohnende Mieter nicht mehr so günstig geblieben waren, wie die Wohnung ihres zweiten Ehemannes in Berg am Laim, die ihr als Beamtenwohnung günstig und sicher bleiben sollte. Wer die Entwicklung der Mieten besonders in München kennt, wusste damals und weiss es heute noch besser, dass dies eine weitsichtige und weise Entscheidung war.

Nichts aber hielt sie davon ab, alle paar Wochen den Friseurbesuch nach wie vor im selben Friseursalon wie Jahrzehnte vorher wahrzunehmen und dazu mit S-Bahn, U-Bahn oder Tram von Berg am Laim nach Schwabing zu fahren. Verbunden mit dem Besuch bei ihrem Schuhmacher. Und dem bei ihrer Hutmacherin.

Und bei einer dieser Gelegenheiten kam sie. Ich war kaum die ersten Wochen in der neuen Kanzlei und steckte zudem als Mitverteidigerin in einem der Strafprozesse, die (in aller Bescheidenheit darf man das wahrheitsgemäss sagen) zu einem der Prozesse gehören, die Rechtsgeschichte schrieben und von enormem Presseinteresse während der mehr als 50 Verhandlungstagen allein in der ersten Instanz begleitet wurden und daher natürlich anspruchsvoll in Vorarbeit, Vorbereitung und Verteidigung waren. An einem der Tage vor dem ersten Prozesstag und kurz vor Büroschluss der Kanzlei überraschte mich meine zauberhafte Grossmutter mit einem Besuch, um sich die Kanzlei mal anzusehen, in der ihre Enkelin nun arbeitete.

Mein rund 30 jahre älterer Anwaltskollege schmunzelte vergnügt, als er sie durch die Türe meines Bürozimmers hereinführte, mit ihrem chicen Mantel, Hütchen von der Hutmacherin und einem Tütchen von Dallmayr. Sie hatte auch nur ungefähr die “überschaubare” (äussere- sic!) Grösse meines damaligen Kollegen und da beide jahrzehntelang in Schwabing lebten (er hatte seine Wohnung zwei Etagen über der Kanzlei), war im Nu eine herzliche Unterhaltung im Gange, während meine Grossmutter mir die Tüte überreichte. Mit eben einem solchen Holzkästchen von Dallmayr mit First Flush Darjeeling für Teepausen meines Kanzleiarbeitstages, den sie eigens an diesem Tag dort gekauft hatte.

Seit dieser Zeit brachte ich ihn ihr umgekehrt gern ebenso mit, wenn ich sie besuchte oder wir tranken ihn gemeinsam, wenn ich sie zu Besuchen zu mir nach Hause holte. Ebenso wie Süsses aus dem kleinen Schokoladen- und Pralinenladen am Kurfürstenplatz, der bis zur hohen Decke mit alten Blechdosen für Kekse, Kaffee, Zwieback und mit vielem anderem dekoriert war und in dem man in uralten Bonbonnieren aus Glas noch Bonbons abgewogen bekam, Schokoladentäfelchen und -käfer und viele andere traditionelle und neue Süsswaren ihren Platz hatten. In dem meine Grossmutter für uns Kinder Schokolade kaufte, wenn sie uns besuchte oder wir sie.

Und in dem ich Jahre später ebenso liebend gern für meinen Filius hin und wieder einen Marienkäfer oder Maikäfer oder kleine Tafeln Schokolade kaufte. Mal als Belohnung für ein gutes Zwischenzeugnis. Oder vor einer Prüfung. Oder auch mal, wenn die Woche zu Ende ging und ich ihn dort am Schulbus abholte, der ihn von und zur Schule in Pullach brachte. Und wir dort und paar Schritte weiter in die Buchhandlung und zum Elisabethmarkt zum Stübern gingen.

Es sind keine grossen, es sind immer die kleinen Dinge, die uns Tage versüssen oder als zauberhafte Erinnerungen bleiben und wärmen wie eine schöne und gute Tasse Tee. Die wir oft und lange mit Menschen teilen konnten und durften. Wie mit auch dieser meiner beiden Grossmütter, die selbst in jungen Jahren und als junge Mutter nicht immer das hatte, was sie ihren Kindern gern gegönnt hätte. Es war eben eine arme Zeit, hiess das dann später. Und wie leid ihr schon als junges Mädchen die Kinder der Kunden getan hatten, die mit ihren Müttern in jenen Lebensmittelladen kamen, in dem sie selbst als Verkäuferin arbeitete. Jahrgang 1913 , das waren eben arme Jahre. 1913, der gleiche Jahrgang wie Marika Rökk,nur nicht so gelenkig wie diese mit den Beinen , pflegte sie gern zu erzählen. Das hatte zwar einen Grund mit den Beinen, aber das ist eine andere Geschichte.

Zwei Weltkriege er- und überlebend, einen Treppensturz durch ein Treppenhaus vom dritten Stock bei dem nur ihre dicken langen Zöpfe sich im Geländer verfangend den Sturz aus mehreren Etagen halbwegs bremsten und ihren Sturz so weit abfingen, dass ihr ausser einem nur verkürzt wachsendem Bein, keinen lebenslangen Schaden bereiteten. Dass sie ihrem Schuhmacher treu war über viele Jahrzehnte hatte auch den Grund, dass dieser geschickt die Absätze und Schuhe so arbeitete, dass es nur wenigen aufgefallen wäre, dass eines ihrer Beine ein paar Zentimeter kürzer war, als das andere. Sie nahm es und feierte den Unfalltag seit Mädchenjahren als zweiten Geburtstag. Sie überlebte ein im Babyalter verstorbenes ihrer Kinder und zwei Ehemänner. Wurde Grossmutter und Urgrossmutter, was ihr unendlich Freude machte.

Und wurde nicht ganz hundert Jahre alt. Aber fast. Und sie war es, die mich zwar nicht zur Teeliebhaberin machte, das war ich immer schon. Aber die mir den Genuss von Darjeeling zur Passion machte. Mit einem Kästchen aus Holz und Tee von Dallmayr, den ich  bis heute nicht alle Tage trinken mag und geniesse. Sondern nur an Sonntagen oder besonderen Tagen und wenn ich mir Zeit für den Tee nehme, so dass ein Kästchen gut eingeteilt immer gerade so hinreicht bis zur nächsten Saison. Und einem neuen Teekästchen. Während mich anderer Tee täglich mehrere Kannen gefüllt begleitet bei der Arbeit. 3-4 Kannen Tee aller Art und Sorten. 

Es gibt auch noch einen anderen Darjeeling. Der ist verbunden mit einem Sommertag und der Sommerfrische in einem Blauen Land, das erst Urlaubsort und Urlaubslieblingsort winters wie sommers wurde. Und das exakt 20 Jahre nach jenem ersten Urlaub dort mehr als nur Urlaubsort wurde. An jenem Sommertag dort gab es einen Darjeeling in einem Café Fodermair und dort an einem Platz unter einer schönen alten Kastanie, die es nun leider nicht mehr gibt. Das Café gibt es noch immer, aber es wird nun von einer anderen Familie und nicht weniger einladend und herzlich und charmant und liebevoll geführt.

Darjeeling aber von Dallmayr ist und bleibt verbunden mit ihrem Überraschungsbesuch in Hut und Mantel, der artig und stilgerecht genug gewesen wäre für einen royalen Besuch. Für den und jeden Windstoss dabei wäre sie zweifellos damenhaft genug gerüstet gewesen, denn sie kannte und nutzte dasselbe kleine Geheimnis, das auch der Queen Schutz gegen hochwehende Rocksäume bietet. Es war nicht der einzige Besuch in meinem Büro von ihr. Sie kam immer vorbei, wenn sie und solange sie noch quer durch München zu ihrer Hutmacherin, ihrem Schuhmacher und ihrem Friseur fuhr und liebte es, den Weg dorthin auch mit der Tram durch “ihr” München zu fahren oder mit S- und U-Bahnen. 

Heute………ist ein hübscher Tag für eine Tasse Darjeeling. Ausnahmsweise Darjeeling von …………Twinings. Aus London. Und was noch in dem Paket war, das ihn brachte….? Das ist eine andere Geschichte.

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One thought on “Königliche Genüsse, royale Post aus London

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